Nach dem ersten Teil unserer Reise durch die ehemalige DDR führt uns die Bundesstraße mitten ins Herz des Erzgebirges, vorbei an so klangvollen Namen wie Schneeberg, Schlema, Aue und Schwarzenberg. Verglichen mit den Alpen ist das Erzgebirge sicher kläglich, aber für jemanden, der aus einem Bundesland kommt, wo nur mit viel Mühe die 200 Meter über Normalnull geknackt werden, ist es hier schon ziemlich bergig.

Herzlich empfangen werden wir von meiner alten Studienfreundin Dominque. Am nächsten Tag geht es zu viert an die tschechische Grenze, nach Oberwiesenthal. Die höchst gelegene Stadt in Deutschland (915 Meter) war zu DDR-Zeiten eines der bedeutendsten Wintersportzentren. So prägen auch Hotels, Sprungschanzen sämtlicher Größen und Seilbahnen das Ortsbild. 

Reise durch die ehemalige DDR
7 Schanzen in allen Größen

Wieviel Schnee hier im Winter tatsächlich noch fällt, können wir nicht beurteilen, denn es ist Sommer und auch im Sommer ist es schön. Die Region ist mittlerweile bei Mountainbikern beliebt, weil der Stoneman durchs Erzgebirge über den Fichtelberg führt.

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Auf dem Weg zum Fichtelberg

Also geht es mittels konventioneller Beinarbeit den Fichtelberg hoch, mit 1.214 Metern nicht nur der höchste Berg Sachsens, sondern der gesamten ehemaligen DDR. Auf dem Gipfel mit Wetterwarte und Fichtelberghaus genießen wir die Aussicht ins Erzgebirge. 

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Restaurierter Trabant vor dem Fichtelberghaus

Unten am Fuß des Fichtelberges will es der Zufall, dass wir auf ein verlassenes Hotel stoßen. Diese unausgesprochene Einladung lassen wir uns nicht nehmen und erkunden ausgiebig die leerstehende Herberge, die Anfang der 1990er Jahre aufgegeben worden sein dürfte. Das zumindest lässt das noch in vielen Zimmern vorhandene Möbiliar erahnen, das in den Volkseigenen Betrieben gefertigt wurde. 

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Lang, lang ist’s her Die besseren Zeiten in diesem Hotel

Einige im Büro herumliegende Dokumente belegen dann tatsächlich, dass es das Haus kurz nach der Wende noch als Sporthotel versucht hat, ehe die Lichter endgültig ausgingen.

Es ist Nachmittag und wir verlassen den Fichtelberg mit seinen dunklen Wäldern und weiten Wiesen.

Zurück im beschaulichen Schwarzenberg mit seinem kleinen historischen Ortskern samt Schloß schlendern wir durch die handvoll pittoresken Altstadtgässchen. Wir lassen uns in einer sympathischen Kneipe nieder, die Treffpunkt für Künstler und Kulturschaffende ist. Über dem Eingang prangt das Schild: „Freie Republik Schwarzenberg“, das an eine spannende und kuriose Episode der Nachkriegszeit erinnert. Nach der Kapitulation der Nazis in der Nacht zum 9.Mai 1945 war die Region für etwa sechs Wochen weder durch sowjetische noch durch amerikanische Truppen besetzt. So versuchten lokale antifaschistische Aktionsausschüsse die Versorgung und öffentliche Ordnung zu organisieren, bis Ende Juni 1945 die Sowjetische Militäradministration (SMAD) auch hier das Zepter übernahm.

Am nächsten Tag steht eine Radtour in Aue auf dem Plan. Aue ist eine Kleinstadt mit noch nicht mal 20.000 Einwohnern, wirkt für die Größe aber erstaunlich urban. 

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60er Jahre Flair am Imbiss ‚Picknick‘ in Aue

Zusammen mit ein paar benachbarten Kleinstädten ähnlicher Größe wird der Städtebund Silberberg gebildet, der immerhin auf fast 70.000 Einwohner kommt. Überregional bekannt ist Aue durch den Fußballklub Erzgebirge Aue, der recht erfolgreich in der 2.Bundesliga spielt und sogar mal an der Tür zum Oberhaus anklopfte. 

Fußball soll uns nun nicht weiter interessieren, aber bewegen wollen wir uns trotzdem. Ohne Mountainbike und Motivation für ständige Bergauf- und abfahrten überrascht uns Dominique mit einem Radweg auf einer stillgelegten Bahnstrecke entlang der reißenden Zwickauer Mulde. 

Am Wegesrand lädt ein alter verlassener Bagger zum Rumklettern ein – irgendwie schön, dass das Teil einfach so zugänglich ist und mal ausnahmsweise kein Zaun und „Betreten verboten“-Schild den Entdeckungstrieb erschweren. 

Nach einigen Kilometern wechseln wir die Uferseite und fahren entlang des Floßgrabens zurück in Richtung Aue. Den kleinen Graben soll es bereits im 16.Jahrhundert gegeben haben und diente zum Transportieren von Holz für die Hütten und Bergwerke in der Umgebung. Heute bietet er „nur“ eine entzückende Kulisse, wenn er sich durch die Bergwälder schlängelt.

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Am Floßgrabenweg bei Aue

Zurück in Aue verabschieden wir uns von Dominique. Es geht nun in den Nachbarort Bad Schlema, ein Kurort mit – das darf man getrost behaupten – besonders wechselvoller Geschichte. Anfang des 20.Jahrhunderts entwickelte sich hier durch Radonquellen ein weltbekanntes Radiumheilbad. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich der Ort. Hier entstand ein weiteres großes Zentrum des Uranerzabbaus der Wismut AG.

Der Ort und seine Umgebung wurden verwüstet. Auf alten Bildern wirkt die Szenerie mit den schlammigen Straßen und Holzhütten so, als befände man sich in einer Goldgräbersiedlung am am Oberlauf des Yukon in Alaska. Die Goldgräberstimmung wurde auch dadurch erzeugt, dass durch die gute Bezahlung und Versorgung Zehntausende junger Männer zur Wismut strömten – wie mein Großvater, der es allerdings nur ein paar Monate aushielt. Die die länger geblieben sind, lebten in einer eigenen Welt, geprägt durch harte Arbeit und eine enorm ausgeprägte kollektive Identität.

Durch Corona sind die Besucherbergwerke der Region leider geschlossen, daher geht es ins Museum, das sich im ehemaligen Kulturhaus „Aktivist“ befindet. 

Schon werden wir von der Fassade mit den gekreuzten Schlägel und Eisen, dem Bergmannsgruß „Glück auf“ sowie einem Wandbild im Stile des Sozialistischen Realismus begrüßt. Das Bild ist im Übrigen ein kleinerer, nahezu identischer Teil des Bildes „Die friedliche Nutzung der Atomkraft“ aus Ronneburg.

Da die Region mittlerweile zum grenzübergreifenden UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří erklärt wurde, gibt es für den Kulturpalast eine Millionenspritze. In diesem Zuge soll auch das Museum neugestaltet werden, das momentan noch in die Kategorie „Heimatmuseum“ fällt. Hier stecken also viel Liebe und Herzblut und noch mehr originale Artefakte drin. Ein modernes Ausstellungskonzept sucht man jedoch vergebens. Wir sind trotzdem froh, das alte Museum noch gesehen zu haben. Wir lassen das Erzgebirge hinter uns. Die Reise geht weiter. 

Nächstes Ziel ist die Kulturhauptstadt Europas 2025: Chemnitz! Doch die Nacht verbringen wir einige Kilometer vor den Toren der Stadt auf den Hügeln des Erzgegbirgvorlandes. Erst am nächsten Tag wollen wir uns ins Großstadtgetümmel stürzen.

Abends sitzen wir am Waldrand, genießen die untergehende Sonne und die sich bereits am Horizont abzeichnenden Plattenbauten unseres morgigen Reiseziels, als eine Trabant mit ein paar Jugendlichen vorfährt. Schnell kommen wir ins Gespräch. Mich interessiert vor allem, wieso es hier in der Region so dermaßen viele junge Leute gibt, die das motorisierte Erbe der DDR so hochhalten. Damit sind nicht nur Trabant und Wartburg gemeint, sondern vor allem die Simson-Mopeds oder Schwalben. Auf unserer Reise begegnen sie uns überall!

Ein neuer Tag bricht an und es geht nach KMA – Karl-Marx-Stadt bzw. heute bekannt als Chemnitz. Es ist mein erster richtiger Besuch in der Stadt, die medial einen so dermaßen schlechten Ruf hat, sodass es wirklich mal an der Zeit war, mir selber einen Eindruck zu verschaffen. Wir fahren mit Fahrrädern durch die Stadt. Da der Zeitplan etwas eng gestrickt ist (ja schon klar, Zeitdruck ist ein schlechter Reisebegleiter…), daher bleibt es bei der Innenstadt und den umliegenden Vierteln.

Wie viele andere große Industriestädte wurde Chemnitz im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört, sodass moderne Architektur dominiert. Die Freunde der Architekturstile Sozialistischer Modernismus unn Brutalismus kommen in KMA auf ihre Kosten. Der gigantische Karl-Marx-Kopf vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel ist das Wahrzeichen der Stadt. 

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Zweitgrößte Portraitbüste der Welt und Wahrzeichen der Stadt

Direkt dahinter ein ehemaliger Verwaltungsriegel, der mal die SED-Bezirkszentrale beherbergte. Die Fassade schmückt eine riesige Bronzetafel, die auf Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch verkündet: Proletarier aller Länder vereinigt euch. Auf der anderen Seite der Magistrale gleich weitere Perlen der modernen Architektur der 1960er und 1970er Jahre. 

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Herausragende Schmuckfassade an der Stadthalle Chemnitz

Die Stadthalle mit ihrer Schmuckfassade und das alles überragende Hochhaus des ehemaligen Interhotels Kongreß. Alle Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Wir sind gespannt, wie dieses Kulturerbe 2025 präsentiert werden wird. 

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Ostmodernes Zentrum in KMA – Stadthalle und Kongresshotel

Für uns steht jedenfalls fest, dass wir vor 2025 wieder nach Chemnitz kommen werden. Nun heißt es jedoch erstmal Abschied nehmen, denn zum späten Nachmittag wollen wir in Freiberg sein, wo wir die Nacht verbringen wollen. Diese Stadt ist eine echte Überraschung, denn wir haben keinerlei Vorstellung davon, was uns hier erwarten wird. Mit gerade einmal 40.000 Einwohnern nicht gerade bedeutend, blickt die Stadt auf eine 800-jährige Bergbaugeschichte zurück.

In der Silberstadt wurde 1765 eine Bergakademie gegründet, die heute die älteste Bergbau-Hochschule der Welt ist. Noch vor der Gründung der Akademie verbrachte der russische Universalgelehrte Michael W. Lomonossow einige Monate in Freiberg, um sich im Bereich des Montanwesens auszubilden. Lomonossow ist der Namensgeber der größten Universität in Russland mit dem vielleicht spektakulärsten Universitätsgebäude weltweit.

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Auf dem Obermarkt in Freiberg

Der frühere Reichtum von Freiberg zeigt sich in der beeindruckenden Altstadt – und das nicht nur um den weitläufigen Obermarkt herum, sondern auch in den vielen Altstadtgassen. In der Burgstraße, die zum Schloss Freudenstein mit dem Museum terra mineralia führt, finden wir ein tolles böhmisches Restaurant, das einen weiteren gelungenen Reisetag abrundet.

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Nicht nur für blinde Menschen interessant. Freiberger Stadtmodell vor dem Schloss Freudenstein

Die Fahrt in Richtung Osten geht weiter, denn Freiberg war nur die Zwischenstation auf den Weg in das Elbsandsteingebirge, wo ich schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr war. Oberhalb von Bad Schandau in Ostrau finden wir einen entspannten Stellplatz, der einen idealen Einstieg in den Nationalpark Sächsische Schweiz bietet. 

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Schroffe Felslandschaft in der Sächsischen Schweiz

In den nächsten zwei Tagen durchstreifen wir das Gebiet zwischen Schrammsteine, Lichtenhainer Wasserfall, Felsentor Kuhstall und dem idyllisch am Elbeufer gelegen Dorf Schmilka. 

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Felsentor Kuhstall im Nationalpark Sächsische Schweiz

Die Landschaft mit ihren schroffen Felsen und schattigen Wäldern ist einfach wahnsinnig schön, sodass man jeden Abend mit ordentlichen Kilometern und Höhenmetern in den Beinen mühelos im Traumland verschwindet. 

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Genialer Ausblick in den Nationalpark Sächsische Schweiz

Um eine Tradtion nicht abreißen zu lassen, stoßen wir auch hier zufällig auf ein leerstehendes Hotel, wo uns doch tatsächlich eine offene Tür Eintritt gewährte. Da das Haus erst vor ein paar Jahren aufgegeben wurde, gibt es bisher kaum Zerstörung und Plünderung. Einige Zimmer waren noch komplett eingerichtet.

Als der nächste Tag anbricht heißt es Abschied nehmen. Die Weiterfahrt geht nun in Richtung Norden in die Lausitz.

Fortsetzung folgt.


Reisen durch die ehemalige DDR
Teil 1 – Teil 3 – Teil 4

Autor: Holger Raschke (geb. 1982, Potsdam) – Gründer von BERLINS TAIGA Touren und Stadtführungen in Berlin, Potsdam und Umland

1 KOMMENTAR

  1. Toll 👍. In diesem Bericht steckt echte DDR-Geschichte drin. „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ – diesen Slogan kennt doch jeder ehemaliger DDR-Bürger 🙈, ebenso die Wismut AG. Es war insgesamt sehr interessant zu lesen und es kommen Erinnerungen an die alte Zeit auf. Ich denke da auch an eine Reise mit meinen Eltern in die Sächsische Schweiz, eine traumhaft schöne Landschaft. Hingetuckert sind wir zu viert im Trabi, untergekommen sind wir in einem typischen volkseigenem DDR-Ferienheim. Was waren wir immer glücklich, wenn uns ein Ferienplatz zugeteilt wurde … Irgendwie haben es meine Eltern immer geschafft, mit uns zu verreisen und wenn es anfangs nur im Trabi war 🙂.
    Danke für den Bericht, einiges davon war mir nicht bekannt.

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