Ich wurde im Sommer 1982 in Potsdam in der ehemaligen DDR geboren. Aus dem Küchenfenster unserer Plattenbauwohnung konnte ich den Fernmeldeturm in Wannsee in Westberlin sehen. Nur ein paar Hundert Meter von unserem WBS-70-Plattenbauaufgang* mit der Hausnummer 110 entfernt verlief die Berliner Mauer, die dort die Westberliner Exklave „Steinstücken“ einschloss.

Der Fall der Berliner Mauer und die folgende Wiedervereinigung 1990 veränderten das Reiseverhalten der Menschen in meinem Umfeld schlagartig. Statt Campingplatz am Ostseestrand oder FDGB-Ferienheim im Thüringer Wald ging es für viele nun ans Mittelmeer oder in die Metropolen der großen weiten Welt.

*WBS-70 steht für Wohnungsbauserie 70, dem in der DDR am meisten verbauten Plattenbautyp.

Der Autor ist schon ganz aufgeregt ob der anstehenden Reise

Die Corona-Pandemie hat nun dafür gesorgt, dass sich das Reiseverhalten im Jahr 2020 derart massiv verändert hat wie in den letzten 30 Jahren nicht.

Auslandsreisen sind fast schon wieder so exotisch wie damals. Für mich war das kein Problem. Im Gegenteil. So konnte ich endlich die Gelegenheit nutzen, weiße Flecken auf der Landkarte zu eliminieren. Zentral gelegen im Herzen der untergangenen DDR konnte ich nun von Potsdam in die ehemaligen Bezirke ausschwärmen und mich auf Spurensuche nach jenem Land zu begeben, das es zwar seit 30 Jahren nicht mehr gibt, aber dennoch so lange nachwirkt. 

In der Öffentlichkeit wird einerseits danach verlangt, endlich das Ost- und West-Thema zu überwinden, gleichzeitig aber werden genau damit gesellschaftliche Phänomene und Besonderheiten versucht zu erklären. Tatsächlich zeichnen diverse Statistiken und so manche Diskurse noch ziemlich genau die Grenze nach, die einmal als „Eisener Vorhang“ die beiden deutschen Staaten trennte. 

Begleitet wurde ich von meiner Frau, die mit mir das Schicksal teilt, ebenfalls in einem Staat geboren zu sein, den es nicht mehr gibt: Jugoslawien. Als Leidensgenossen sind wir daher beide mit herrlichen Naturlandschaften, gigantisch-dystopischen Industrieanlagen, Plattenbaugebieten und sozialistischer „Streetart“ vertraut. Genau die Dinge – die grob zusammengefasst – unser Themenjahr 2020 überschreiben sollten.

Ich habe auch ein berufliches Interesse an diesen Themen, denn seit 2017 organisiere und leite ich Touren und Stadtführungen, die einen besonderen Fokus auf die Zeit ab 1945 legen. Die Fahrten mit dem Reisemobil waren also in gewisser Weise auch als Bildungsreisen gedacht, um den Lauf der Geschichte besser zu verstehen.

Die erste Reise führte uns in Richtung Süden. Unser Ziel: die Bergbauregion im Erzgebirge. 

Vorbei an der ehemaligen Bezirksstadt Gera, kurz vor der thüringisch-sächsischen Landesgrenze liegt die Kleinstadt Ronneburg. Die sanft hügelige Landschaft war zu DDR-Zeiten eines der Zentren des Uranabbaus durch die WISMUT. Die WISMUT war praktisch ein Staat im Staate, ein riesiges Unternehmen mit Zehntausenden Arbeiter*innen, unzähligen Förderanlagen, Wohnsiedlungen, Sanatorien und Ferienheimen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die Produktion ausschließlich dem sowjetischen Atomprogramm. Ab 1953 bis zum Produktionsende 1991 war die Wismut dann ein deutsch-sowjetisches Gemeinschaftsunternehmen. 

Tagebaue, Schächte und Halden prägten diesen Landstrich. Heute zeugen einige Relikte der Industriekultur und die Bergbaufolgelandschaft von dieser Ära. 

Greifvogelnistplatz deluxe. Ein ehemaliger Förderturm bei Ronneburg.

Fantasie allein wird kaum ausreichen, um sich die einstigen Mondlanschaften vorzustellen. Zum Glück gibt es die Bildersuche im Internet und einige Schautafeln am Wegesrand. Von den noch vorhandenen Relikten ist uns eines besonders in Erinnerung geblieben: Unweit eines alten Förderturms steht mitten in der Landschaft ein riesiges Bild im Stile des Sozialistischen Realismus mit dem Namen: Die friedliche Nutzung der Atomkraft (Werner Petzold, 1972-74). 

Einst schmückte das Teil ein Verwaltungsgebäude. Statt des Dröhnens von schwerem Gerät dominiert jetzt der Gesang der Feldlerche die Geräuschkulisse. 

Kurz vor der Weiterfahrt sehen wir ein Security-Auto der WISMUT, denn ein Nachfolgeunternehmen gibt es immer noch. Auch wenn schon lange kein Uran mehr abgebaut wird, die Sicherung, Sanierung und Rekultivierung werden wohl noch Generationen beschäftigen. 

Früher Mondlandschaft. Heute viel Weite und Nichts.

Wir fahren weiter auf der A4 in südöstliche Richtung. Das Thema „Bergbau“ soll uns jedoch noch einige Zeit begleiten. 

Als wir in Zwickau einfahren, zeichnet sich am Horizont schon der Höhenzug des Erzgebirges ab. Das Auto parken wir vor dem August Horch Museum, denn hier lag eine der Automobilschmieden überhaupt. Für uns ging es heute jedoch nicht ins Museum. Stattdessen stiegen wir in das Auto von Sebastian, ein Zwickauer, der mit einigen anderen Mitstreiter*innen den Verein Industrie.Kultur.Ost gegründet hat. Sie dokumentieren die Hinterlassenschaften einer untergegangenen Industrie-Ära, versuchen auf den architektonischen Wert von Fabrikruinen hinzuweisen und Industriedenkmäler zu retten.

Sebastian fährt uns durch seine Heimatstadt, die trotz eines noch ansässigen VW-Werkes nach der Wende massiv an Arbeitsplätzen eingebüßt und viele Einwohner verloren hat. Stetig zugenommen haben hingegen die Wahlerfolge der Rechtspopulisten.

Wir fahren durch breite, aber leere Straßen, was wohl vor allem an der sonntäglichen Mittagszeit liegen dürfte. Nach dem obligatorischen Blick ins Zentrum mit dem Marktplatz geht es an den Stadtrand. In einem der vielen Industriegebiete parken wir das Auto, um einen steilen Hang zum Muldeufer hinabzusteigen. Sebastian zeigt auf eine schwarze, glänzende Gesteinsschicht. Hier erblickt die Steinkohle das Tageslicht, die der Stadt Zwickau im Mittelalter einen wirtschaftlichen Aufschwung bescherte.

Zeugnisse dieser Epoche sehen wir später am Stadtrand: die beiden riesigen Fördertürme Martin Hoop der Schächte IV und IVa.

Auf der Suche nach der Kohle am Ufer der Mulde

Weiter geht die Fahrt durch Zwickaus Industriegeschichte.

Der nächste Halt ist ein gigantischer, verlassener Industriekomplex, ein Monster aus Beton und Stahl. Die Ausmaße dieser einstigen Eisenwerke lassen erahnen, wie Tausende Menschen hier früher zur Schicht antraten um u. a. Motorenblöcke zu gießen. Mittlerweile ist es eine beeindruckende Streetart-Galerie, denn vor Jahren fand hier ein europäisches Streetart-Festival statt, wovon die Kulisse noch heute profitiert. 

Während wir eingenommen vom Charme des Morbiden durch die nicht zugänglichen Werkshallen schlendern, werden viele Zwickauer diese und die vielen anderen Brachen im Stadtgebiet als Niedergang eines großen Industriestandortes empfinden. Sebastian macht reichlich Gebrauch vom Auslöser seiner Kamera, obwohl sein Fotoarchiv über Industriebauten bereits abertausende von Bildern umfassen dürfte.

Durch ein verschlossenes Werkstor hindurch schauen wir später auf die riesige leerstehende Halle, in der vor über 100 Jahren die ersten Kraftfahrzeuge gefertigt wurden. Die westsächsische Stadt ist eine Wiege des deutschen Automobilbaus. Kenner wissen mit dem Namen „August Horch“ etwas anzufangen. Der Unternehmer begann 1904 mit dem Aufbau der Marke „Horch“, die sich bald zum Weltmarktführer für Oberklassewagen entwickelte. 

Auch dem Laien bekannter ist eine andere Weltmarke, die in Zwickau das Licht der Welt erblickte. Nach Zerwürfnissen gründete August Horch 1909 ein neues Unternehmen, übersetzte den Imperativ „Horch!“ ins Lateinische und heraus kam: Audi! Heute in Ingolstadt ansässig.

Abandoned Automobilgeschichte. Hochbau der Horch-Werke.

Legendär und unverbrüchlich mit der Stadt Zwickau verbunden ist jedoch ein anderes Fahrzeug: der Trabant aus der Autoschmiede Sachsenring.

Kaum ein Auto wird gleichermaßen so verachtet und gefeiert wie der Trabi. Tatsächlich ist zumindest das Karosseriematerial Duroplast, das dem Auto den Beinamen „Pappe“ gegeben hat, für die damalige Zeit innovativ gewesen. Als der letzte Trabi in Zwickau im April 1991 vom Band lief, musste allerdings niemand mehr 12 Jahre auf die Auslieferung des bestellten Wagen warten. 

Mit einem Blick in das Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs Zwickau verabschieden wir uns langsam aus der Stadt. Die überdimensioniert wirkende Wartehalle aus den 1930er Jahren ist ein Tor in die Vergangenheit. 

Tor in die Vergangenheit. Die Bahnhofshalle in Zwickau

Bronzene Industriearbeiter schmücken die Treppen und prächtige Leuchten im Industriedesign hängen von der Decke, um die gekachelte Halle zu erhellen. Nur die Mitropa-Gaststätte ist verschlossen. Schade eigentlich. 

So geht die Reise weiter, tiefer hinein ins Erzgebirge.

Fortsetzung folgt.

Autor: Holger Raschke (geb. 1982, Potsdam) – Gründer von BERLINS TAIGA – Stadtführungen und Touren in Berlin, Potsdam und Umland studierte Soziologie, Humangeografie und Nachhaltiges Tourismusmanagement.

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