Dem Harz habe ich mich bisher nur von Norden genähert…

…denn meine Eltern lernten sich auf einer kirchlichen Jugendreise im Ilsetal im Nordharz kennen, sodass sie traditionsbewusst immer wieder an diesen Ort zurückkehren. Da wir sie dabei auch schon begleitet haben, können wir nachvollziehen, was sie beim Anblick des einige Kilometer entfernten Brocken-Gipfels verspürt haben.

Der Brockengipfel mit Brockenherberge, Sendemast und Brockenhaus (von links)

Der greifbar nahe und mit 1141 Metern höchste Berg Norddeutschlands war absolutes Sperrgebiet, denn in unmittelbarer Nähe verlief die Grenze. Die exponierte Höhenlage mitten im norddeutschen Flachland war gespickt mit Abhöreinrichtungen und Frühwarnsystemen wegen NATO-Raketen. Ob sich meine Eltern dieser geopolitisch brisanten Lage bewusst waren oder bereits der Hormoncocktail den Wahrnehmungsradar beeinträchtigte, muss ich noch mal in Erfahrung bringen.

Diesmal geht es also nach Schierke, ein traditionsreicher Urlaubsort, der schon zur Jahrhundertwende den Ruf des „St. Moritz des Nordens“ genoss.

Keine Ahnung. Weder kenne ich St. Moritz noch weiß ich, wie es hier zur Jahrhundertwende aussah. Schierke ist heute keine Schicki-Micki-Destination, sondern einfach ein solider Urlaubsort, wo man sofort merkt, dass Tourismus den Haupterwerb darstellt. Zu DDR-Zeiten waren die Besucherströme wegen der Grenznähe jedoch streng reguliert. Der unbestrittene Trumpf Schierkes, nämlich der kürzeste Aufstieg zum Brocken, war ja ohnehin hinfällig. Dennoch gab es hier viele Herbergen und Besucher, doch die benötigten einen Passierschein.

Der alte Glanz des St. Moritz des Nordens

Auf eine dieser alten Herbergen stoßen wir durch Zufall. Ein altes Hotel vom Anfang des 20. Jahrhundert, das zu DDR-Zeiten zu einem FDGB-Ferienheim umfunktioniert wurde. Mit der Wende wurde der letzte Zimmerschlüssel an der Rezeption abgegeben und das Haus aufgegeben. Wir erkunden das verlassene und schon deutlich verfallene Gebäude.

Nur zu gut können wir uns vorstellen, welche Klasse dieses Haus in seinen besten Tagen versprüht haben muss. Vielleicht passt der St.-Moritz-Vergleich ja doch? Genauso gut können wir uns allerdings auch vorstellen, was das für eine Mammutaufgabe wäre, diese zweifellos schöne Hotelarchitektur zu retten. Dass das Gebäude überhaupt noch steht, ist ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Der Weg hoch auf den Brocken führt durch Wälder, die nach eher klassischen Vorstellungen von Wäldern einen verstörenden Eindruck machen müssten.

Überall liegen umgestürzte Bäume, ragen kahle Bäume in den Himmel oder reihen sich meterlange Baumstümpfe aneinander – eine bizarre Kulisse. Doch was hier entstehen soll ist Wildnis, also ein naturnaher Wald mit viel Totholz, der für Artenreichtum sorgen soll. Denn die „aufgeräumten“ Wirtschaftswälder sind zu monoton und artenarm.

Nach etlichen Höhenmetern hören wir das Signal der Brockenbahn, diese altehrwürdige Dampflok, die sich schnaubend den Berg hochschraubt und Dank Instagram ganz viele neue Fans gefunden haben dürfte. So zücken alle ihre Smartphones, sobald der schnuckelige Zug vorbeituckert.

Endstation der Brocken-Bahn

Auf dem letzten Stück verlassen wir den steilen und schönen Trail, der teilweise über große Gesteinsbrocken führt. Nun geht es die Brockenstraße hoch zum Gipfel. Corona-bedingt ist leider keine wirkliche Einkehr möglich, aber immerhin eine Imbissbude hat auf. Da es hier oben aber ordentlich pfeift, hält man es dann doch nicht allzu lange sitzend aus. Wir machen uns an den Abstieg, genießen aber noch mal die großartige 360° Aussicht bei Sonnenschein und bester Sicht.

Die Wetterprognose für den nächsten Tag verkündet Dauerregen.

Zum Glück sind wir flexibel und mobil, sodass wir überlegen, wo sich so ein Regentag am besten verbringen lässt. Wir entscheiden uns für Wernigerode. Dort sind wir gut versorgt und können einen Ruhetag einlegen. Bis auf einen kurzen Abstecher zum immer gleichen, seelenlosen Gewerbegebiet an der Ausfallstraße bleibt dieser Tag völlig ereignislos.

Als die Regenfront weitergezogen ist, steht die kurze Sightseeingtour durch die Altstadt von Wernigerode an. Den Auftakt bildet eine Stadtführung. Aber nicht der klassische Altstadtrundgang, der sich zeitgleich nur ein paar Meter neben uns sammelt, sondern eine Führung durch das alte Rathaus mit der historischen Figur des Baumeisters Hilleborch.

Baumeisters Hilleborch lädt ein zur Besichtigung des Rathauses

Der kostümierte Guide ist ein sympathischer, zur körperlichen Fülle neigender älterer Herr, der mit seiner kratzigen Stimme den Eindruck erweckt, durchaus auch eine Kneipentour durch die Altstadt kompetent begleiten zu können. Mit seiner unaufgeregten Erzählweise und seinem trockenen Humor ist er der richtige Typ für die historische Rolle.

Detailgetreu restauriertes Rathaus am Marktplatz

Nach der ausgiebigen Inspektion der mit Handwerkern, Narren und Heiligen reich verzierten Fachwerkfassade geht es endlich ins Innere das mittelalterlichen Gebäudes, das im Laufe von Jahrhunderten ständig aus- und umgebaut wurde. Vom Dachboden hat man dann auch einen tollen Blick auf den Marktplatz.

Blick vom Dachbden des Rathauses auf den Markt

Anschließend schlendern wir durch die Altstadtgassen hoch zum Wernigeroder Schloss, das – in eine mittelalterliche Burg integriert – wie das Rathaus viele verschiedene Bauphasen erlebte. Von oben hat man nicht nur einen ausgezeichneten Blick auf die Stadt, sondern es grüßt auch der Brocken in der Ferne.

Statt eines Museumsbesuches gönnen wir uns lieber Kaffee und Kuchen auf der Terrasse und die wärmenden Sonnenstrahlen fühlen sich irgendwie an, als sei der Himmel nach wochenlangen Regen endlich wieder aufgerissen.

Die nächste Etappe ist die Rappbodetalsperre mit dem größten Stausee im gesamten talsperrenreichen Harz.

Und noch ein paar mehr Superlative bietet dieses beeindruckende Bauwerk. Die Staumauer ist mit bis zu 106 Metern die höchste in Deutschland. Planungen und Bauarbeiten gingen zwar schon früher los, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bau der Staumauer realisiert, was die DDR selbstverständlich gleich als „Großbauprojekt des Sozialismus“ zu vermarkten wusste. Dies verkünden zwei große Tafeln neben der Tunneleinfahrt, die somit ein kleines Zeitfenster in die Vergangenheit darstellen.

Dass hier mittlerweile die Zukunft angekommen ist zeigt sich an der hippen Freizeit-Infrastruktur vor Ort. Erst 2017 eröffnete eine fast 500 Meter lange Fußgängerhängebrücke. Zusätzlich gibt es eine knapp 1000 Meter lange Doppelseilrutsche, mit der man eingegurtet über den Stausee „fliegen“ kann.

Tolle Kulisse für eine Hängebrücke

Ich persönlich hätte einen größeren Kick erwartet (ich habe so etwas zum ersten Mal gemacht), sodass man vielleicht eine kleine Portion Höhenangst mitbringen sollte, damit sich das kurze und teure Vergnügen rechtfertigt.

Die Hängebrücke haben wir dummerweise verpasst, weil wir zwei Minuten vor Torschluss am Kassenautomaten standen und man uns kein Ticket mehr verkaufen wollte. Die den Rücken hinunter kullernden Schweißperlen beim Hochsprinten der Stufen waren also umsonst. Irgendwie glaube ich aber, dass mich hier das Preis-Leistungsverhältnis eher überzeugt hätte als bei der Rutsche.

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Thale – ein Ort, den ich als Kind immer nur mit dem magisch klingenden Wort „Hexentanzplatz“ verbunden habe. Fortsetzung folgt.


Reisen durch die ehemalige DDR
Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4

Autor: Holger Raschke (geb. 1982, Potsdam) – Gründer von BERLINS TAIGA Touren und Stadtführungen in Berlin, Potsdam und Umland

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