Eine neue Reise steht an

Auf unserer Reise durch de ehemalige DDR soll es diesmal in den Harz gehen, das Mittelgebirge, das sich so erhaben aus der norddeutschen Tiefebene erhebt. Aber drumherum wurde wieder etwas Programm gepackt, denn so eine Fahrt auf direktem Wege ist doch langweilig.

Die erste Station ist dann auch gleich ein lang ersehntes Highlight: Bitterfeld und Wolfen. Die Doppelstadt stand schon ganz lange auf meiner Wunschliste, aber irgendwie hatte ich es bisher nie geschafft. Doch warum Bitterfeld-Wolfen, ein Ort, der heute eher selten in Reiseführern zu finden ist? Und wo ist das überhaupt?

Wenn man die untergegangene DDR und das heutige Ostdeutschland besser verstehen will – und das war ja eines der Ziele des Corona-Reisesommers –, dann sind solche Orte einfach ein Must-See! Bitterfeld und Wolfen liegen zwischen Lutherstadt Wittenberg und Halle (Saale) im mitteldeutschen bzw. Leipziger Braunkohlerevier.

Schon bei der Einfahrt ins Bitterfelder Stadtgebiet bemerken wir die einstige industrielle Bedeutung der Region.

Hier dominierten Chemie und Kohle. Insbesondere Bitterfeld war lange ein Sinnbild für die Schwerindustrie in der DDR und galt zeitweilig sogar als die dreckigste Stadt Europas. Weiße Wäsche zum Trocknen in den Hof hängen? Schlechte Idee. Vom beißenden Gestank in der Luft erzählte mir auch ein guter Freund, der früher öfters zum Verwandtenbesuch nach Bitterfeld kam.

Industrie und Brachfläche in Bitterfeld
Industrie und Brachfläche in Bitterfeld

Heute unterscheidet sich die Luftqualität in Bitterfeld wahrscheinlich nicht mehr von anderen Orten in Deutschland. Noch immer gibt es Industrieparks von riesigen Ausmaßen, doch sie sind ordentlich ausgedünnt. Zwischen den heute noch intakten Gewerbeflächen platzieren sich immer wieder weitläufige Brachflächen, wo bereits Industrieanlagen zurückgebaut wurden.

Auch die Braunkohle gibt es nicht mehr. Wie nah sie damals der Stadt Bitterfeld kam, sieht man, wenn man an der kürzlich eröffneten Strandpromenade am Großen Goitzschesee steht. Hinter uns befindet sich die Stadt, vor uns der See – ein geflutetes Tagebauloch, das heute als Naherholungsgebiet zur neuen Lebensqualität beitragen soll.

Die neue Bitterfelder Promenade am relativ neuen Goitzschesee
Die neue Bitterfelder Promenade am relativ neuen Goitzschesee

Früher gab es im Ort eine ganz besondere Institution, die für Lebensqualität in kultureller Hinsicht sorgte.

Der Bitterfelder Kulturpalast wurde Anfang der 1950er Jahre – auch Dank Tausender freiwilliger Aufbaustunden – errichtet. Unverkennbar trägt das Gebäude den Stil des sozialistischen Klassizismus, der eng mit der Stalin-Ära in der Sowjetunion und einer entsprechenden DDR-Adaption verknüpft ist.

ehemalige DDR
Fast schon nüchtern und zurückhaltend präsentiert sich das Eingangsportal des KuPa

Als wir eine ältere Dame auf der Straße ansprechen, weiß sie auch gleich von langen Nächten und fröhlichen Stunden zu berichten. Obwohl in einer Kleinstadt gelegen, konnte sich der Bitterfelder KuPa mit Veranstaltungsorten in den Metropolen des Landes messen. Das DDR Fernsehen nutzte den KuPa für die Aufzeichnung großer Fernsehshows – neben dem Palast der Republik in Ostberlin!

Das Privileg eines solchen Kulturpalastes war im Prinzip aber auch die Entschädigung dafür, dass die Bevölkerung im Alltag einer extremen und gesundheitsschädlichen Umweltbelastung ausgesetzt war. Heute steht das Gebäude leer, obwohl es nach der Wende zunächst noch weiter genutzt wurde.

Wir schleichen um den Palast, finden aber niemanden. Nur vom benachbarten Oberstufenzentrum dringt Leben herüber. Zu gerne hätten wir einen Blick ins Innere geworfen, denn es soll einer Zeitreise gleichkommen. Lange drohte der Abriss des denkmalgeschützten Hauses, doch nun gibt es Grund zur Hoffnung. Der Palast ist in das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ aufgenommen worden, sodass für die Sanierung Finanzmittel zur Verfügung stehen. Hoffen wir mal, dass auch im Inneren eine behutsame und denkmalgerechte Sanierung stattfindet.

Nördlich von Bitterfeld liegt Wolfen, eine Stadt, die mit der Filmindustrie groß geworden ist. 

DDR
Der Zahn der Zeit nagt an diesem Kunstwerk in Wolfen-Nord

Am Anfang des 20. Jahrhunderts gründete das Berliner Unternehmen Agfa in Wolfen eine Fabrik, die bald zur zweitgrößten Filmfabrik der Welt wurde – nach Kodak in den USA. Zu Zeiten des Nationalsozialismus lief die Entwicklung weiter – hier wurde der Farbfilm erfunden. Möglich wurde das auch durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern.

Nach der Befreiung der Stadt 1945 durch amerikanische Truppen wurde das Patent in die USA verbracht und Kodak übergeben, die daraufhin „ihren“ Farbfilm präsentierten. In den 1960er Jahren wurde dann infolge eines Markenstreits aus Agfa die Marke ORWO. Die Kassetten, Fotofilme oder Dias aus Wolfen waren nicht nur in DDR-Haushalten omnipräsent, sondern wurden natürlich auch exportiert. Wer tiefer in die Geschichte eintauchen will, findet in Wolfen das Filmmuseum.

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Der letzte Vorhang ist längst gefallen – ein verlassenes Kino in der Filmstadt Wolfen

Um dem permanenten Druck auf dem Wohnungsmarkt etwas entgegenzusetzen, entstanden überall in der DDR große Neubaugebiete.

So auch im Norden von Wolfen. Die Satellitenstadt Wolfen-Nord zählte bald über 30.000 Einwohner und war komplett auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft. Mittlerweile ist die Bevölkerung auf rund 7.000 geschrumpft. 

In den vergangenen Jahren wurden viele Plattenbauten abgerissen oder verkleinert. Genau diese Transformation finden wir spannend, weil man sich die verschiedenen Entwicklungsstadien der Gebäude anschauen kann und die verkleinerten Platten augenscheinlich eine deutlich höhere Wohnqualität versprechen.

Im Sommer 2020 sollte eigentlich das 60-jährige Stadtjubiläum von Wolfen Nord gefeiert werden, doch Corona machte dem ein Strich durch die Rechnung. Das soll nun 2021 nachgeholt werden. Wer also eine Reise durch den Osten geplant hat, kann das mal im Hinterkopf behalten.

Weiter geht die Fahrt in das nur 25 Kilometer entfernte Halle an der Saale.

Mein letzter Besuch ist nun auch schon wieder ein paar Jahre her. Da es damals nur eine kurze Stippvisite in Ha-Neu gab, sollte es diesmal noch etwas intensiver erkundet werden.

Hinter den Saaleauen erhebt sich HaNeu aus der Landschaft

Im Gegensatz zu Wolfen Nord ist die Satellitenstadt Halle-Neustadt ein ganz anderes Kaliber. Anstatt für 30.000 Menschen wurde hier eine ganze Großstadt für 100.000 Menschen geplant – für die Chemiestandorte Leuna und Buna. So macht Ha-Neu auch heute noch einen sehr urbanen Eindruck. Mit dem Fahrrad schlängeln wir uns durch die verschiedenen Wohnkomplexe dem Zentrum entgegen. Und das Zentrum ist eine Wucht! Fünf mächtige Hochhaus-Scheiben flankieren die Neustädter Passage, eine zweistöckige Fußgängerzone. 

Die Neustädter Passage mit ihren markanten Hochhausscheiben

Wir machen eine Pause und kommen mit einem älteren Mann ins Gespräch.

Ganz interessiert inspizierte er die Bücher in einer zum offenen Bücherschrank umfunktionierten Telefonzelle. Der belesene Eindruck bestätigt sich. Anfang der 1970er Jahre kam er nach Ha-Neu, da er in den Leuna-Werken als Ingenieur arbeitete. Er erzählte vom Auf und Ab in dieser besonderen Stadt, die seit 1990 keine eigenständige Stadt mehr ist, sondern mit Halle (Saale) fusionierte. 

Besonders beeindruckend finden wir seine Schilderung, wie mit den Schichtwechseln in den Chemiebetrieben Tausende Menschen zeitgleich die knapp 400 Meter langen Bahnsteige des unterirdischen S-Bahnhofes bevölkerten. Dieser befindet sich am Ende der Promenade und ist dann nach dem netten Gespräch gleich das nächste Ziel. Auch wenn die Bahnsteige mittels einer Trennwand verkürzt wurden, ist die Länge nach wie vor beeindruckend.

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Kunst über dem Eingang eines Kindergartens

Genauso beeindruckend ist die viele Kunst in den ganzen Wohnkomplexen.

Von Springbrunnen und Wasserspielen über Mosaike und Skulpturen bis hin zu geometrischen Fassadengestaltungen und Formsteinwänden – der Erhaltungszustand reicht von hervorragend bis hin zu jämmerlich.

Unter all den vielen verschiedenen Kunstwerken sticht eines (genauer gesagt zwei) besonders heraus: An einem zwölfstöckigen Hochhaus bedecken zwei 35 Meter hohe Wandbilder von José Renau die Treppenhausgiebel. 

Der Anblick des riesigen Plattenbaus mit dem beiden Wandbildern „Die von Menschen beherrschten Kräfte von Natur und Technik“ (links) sowie „Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR“ (rechts) lassen einen sprachlos werden und klein erscheinen – das wird sicher auch eines der Motive gewesen sein.

Klein fühlt man sich auch, wenn man vor dem Block 10 steht – mit fast 400 Metern der längste Wohnblock der DDR, in dem alleine fast 3.000 Menschen wohnten.

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Kunst vor dem berühmten Block 10 in HaNeu

Auch wenn in Halle-Neustadt bereits viel saniert wurde und es auf den ersten Blick einen sehr lebendigen Eindruck macht – die Stadt kämpft nach wie vor mit vielen sozialen Problemen. Die soziale Durchmischung von früher ist einer verstärkten sozialen Segregation gewichen.

Um auch dem „alten“ Halle einen kurzen Besuch abzustatten, bemühen wir unsere Fahrräder über die saftig grünen Saaleauen, die die Alt- von der Neustadt trennen. Am Marktplatz gönnen wir uns noch einen letzten Kaffee, bevor uns das Fernweh weitertreibt. Nach so viel Beton und Asphalt haben wir uns Natur verdient. Es geht endlich in den Harz!


Reisen durch die ehemalige DDR
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Autor: Holger Raschke (geb. 1982, Potsdam) – Gründer von BERLINS TAIGA Touren und Stadtführungen in Berlin, Potsdam und Umland

2 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank für die interessanten Einblicke.
    Ich bin aus Krefeld. In den 1990er Jahren sind wir oft mit dem Wohnmobil in den neuen Bundesländern unterwegs gewesen.
    Backsteingotik war unser Hauptinteresse. Wunderschöne Objekt haben wir gesehen, auch manch anderes.
    Sie haben mir wieder interessante Einblicke ermöglicht. Vielen Dank.
    Ihnen eine gute Zeit.
    hansgeorg hauser

    • Vielen Dank für das Feedback! Seit den 1990er Jahren hat sich sicher noch mal seeeehr viel verändert in diesen Regionen. Ihre Reisen waren sicher auch sehr spannend. Es gibt wirklich viele schöne, kleinere Städte mit historischen Altstadtkernen.
      Beste Grüße,
      Holger Raschke

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